Zahnmedizin

Infektionskrankheit Parodontitis


Diagnostik und Therapie   -   Fragen und Antworten
Es gilt heute als gesichert, dass eine bestimmte Gruppe hochpathogener Bakterien die primäre Ursache fortschreitender Parodontalerkrankungen darstellt. Bei Anwesenheit dieser parodontopathogenen Keime in der Zahntasche reicht eine mechanische Therapie allein meist nicht aus, sondern sollte antibiotisch unterstützt werden. Für die Wahl des optimalen Wirkstoffs ist die Kenntnis des Erregerspektrums eine wichtige Voraussetzung. Hierfür ist es erforderlich, die fünf wichtigsten parodontopathogenen Markerkeime gleichzeitig und hochspezifisch  (semiquantitativer Nachweis) zu bestimmen:

 

Wann ist eine Markerkeimanalyse indiziert?
Bei:
PAs mit Taschentiefen > 4 mm (trotz optimaler Mundhygiene)
Refraktären, therapieresistenten Erwachsenen- PAs
Akuten, rasch verlaufenden PAs
Periimplantitis.


Weshalb sollte eine Markerkeimanalyse durchgeführt werden?
Zur:
Wahl eines geeigneten Antibiotikums
Dokumentation des Behandlungserfolges
Früherkennung von Rezidiven im Recall
Risikoeinschätzung vor aufwändigen Sanierungen
Verbesserung der Patientencompliance

Wie werden die Proben entnommen?
Nach supragingivaler Plaque-Entfernung werden mittels steriler Papierspitzen Proben aus bis zu 5 Zahntaschen entnommen. Diese können Sie als Einzel-Analysen oder als gepoolte Probe einsenden. Innerhalb von 3 Tagen erhalten Sie dann einen ausführlichen Ergebnisbefund sowie Empfehlungen für eine antibiotische Therapie.

Wer übernimmt die Kosten?
Bei Kassenpatienten wird die Untersuchung seit dem 1.7.2007 leider nicht mehr im Rahmen der Kassenleistung abgerechnet und kann nur als individuelle Gesundheitsleistung durchgeführt werden.

 

Parodontitis-Risikobestimmung

Diagnostik und Therapie - Fragen und Antworten


Parodontitis ist häufig erblich.
Zahnmediziner treffen immer wieder auf Patienten, die trotz exzellenter Mundhygiene und einer niedrigen Bakterienbelastung einen starken Abbau des Kieferknochens zeigen. Eine amerikanische Forschungsgruppe (Korman et al. 1997) konnte als erste nachweisen, dass diese Patienten überproportional häufig (> 50 %) einen genetischen Defekt in einer bestimmten Komponente des Immunsystems haben. Dieser führt zur Überproduktion von Interleukin-1 (IL-1), einem wichtigen Entzündungsmediators im Immunsystem. Die Überproduktion von IL-1 führt selbst bei Anwesenheit geringer Bakterienmengen zu starken Immunreaktionen im parodontalen Weich- und Knochengewebe mit einer übermäßigen Aktivierung knochenresorbierender Zellen (Osteoklasten), die einen starken Knochenabbau auslösen. Es gilt heute auch als gesichert, dass die Kombination aus Rauchen und Risiko-Genotyp ein signifikant erhöhtes Risiko für Implantat-Komplikationen oder Implantat-Verlust birgt.

Wann ist eine Parodontitis-Risikobestimmung indiziert?
Bei:

Weshalb sollte eine Parodontitis-Risikobestimmung durchgeführt werden?
Zur:
Risikoeinschätzung vor aufwändigen Implantatsanierungen

Optimierung von Prophylaxe- und Recall-Intervallen.

Außerdem konnten verschiedene aktuelle Studien über Implantatsversagen zeigen, dass insbesondere Raucher mit vorliegendem IL-1 Gendefekt ein erhöhtes Risiko für einen Implantatverlust aufweisen. Bis zu 50 % der Parodontitis-Risiko-positiven Raucher hatten Implantatkomplikationen, der Attachmentverlust im Recall war bis zu dreifach höher. Bei Rauchern mit Zahnverlust infolge einer Parodontitis ist daher eine Bestimmung des IL-1-Genotyps dringend angeraten, auch zur Absicherung des Implantologen gegen Implantatversagen und eventuell daraus resultierende Regressforderungen.

Wie werden die Proben entnommen?
Ein Mundschleimhaut-Abstrich, mittels sterilem Tupfer einfach und schmerzfrei abgenommen, wird nach Lufttrocknung ins Labor geschickt. Das Ergebnis liegt innerhalb ca. einer Woche vor.

Bei einer entsprechenden medizinischen Indikation wird diese Untersuchung von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.


Die pathogene Bedeutung von Sprosspilzen in der Mundhöhle
Candida albicans spielt in der Zahnmedizin eine große Rolle. Unzureichende Mundhygiene oder ein geschwächtes Immunsystem begünstigen eine Besiedlung des Mund- und Rachenraumes mit diesem fakultativ pathogenen Sprosspilz. Bei ca. 30 bis 50 Prozent der erwachsenen Normalbevölkerung lässt sich eine Candida- Besiedelung im Rachenraum nachweisen. 
Bei bereits vorbestehenden Gewebeschädigungen verstärkt der Sprosspilz  diese Schädigungen, kann die Progredienz der Erkrankung vorantreiben und übt eine „Trittbrettfahrerfunktion“ z. B. in der Entstehung von Karies aus.
Über die bekannten klinischen Bilder wie Soor und Prothesenstomatitis hinaus konnte für Candida eine Beteiligung an endodontalen Infektionen, Parodontitiden und Periimplantitiden gezeigt  werden.

 

Welche weiteren Konsequenzen sind denkbar? 

Da feststeht, dass an Karies erkrankte Zähne mit ihren erweichten Kavitäten ein bevorzugtes Biotop für Candida bieten, kann nicht ausgeschlossen werden, dass von hier aus auch eine kontinuierliche Streuung in den Magen-Darmtrakt erfolgt. Und da in den letzten Jahren schon das mütterliche Küssen als potentiell kariesfördernd für das Kleinkind verdächtigt wurde, dürfte der ständige Nachschub von Sprosspilzen aus defekten Zähnen kaum weniger problematisch in seiner Wirkung auf andere Körperregionen sein (z. B. Darm-, Anal-, und Vaginalsoor). Dabei wäre zu überlegen, ob  –  im Sinne einer ganzheitlichen Therapie  -  weitere Untersuchungen betreffend dieser Bereiche auf Candida durchgeführt werden sollten. 
In der Praxis bedeutet das: Vor einer geplanten Antibiotika-Therapie ist ein Candida-Nachweis indiziert! Schließlich eliminieren die Antibiotika nur die Bakterien im Mund- und Rachenraum, nicht aber den Pilz. 
Folge: die Besiedelung mit Candida  kann sich ungehindert ausbreiten und weitere Infektionen verursachen!
Für den Nachweis von Sprosspilzen ist ein einfacher Schleimhautabstrich erforderlich. 

 

Diese Bestimmung wird bei medizinischer Indikation von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. 

 

Zusammenhänge zwischen Zahnmedizin und Erkrankungen anderer Organe im Sinne einer ganzheitlichen Medizin


Für schöne und gesunde Zähne ist eine regelmäßige Zahnprophylaxe, die auch schon im Kindesalter erfolgen sollte, von immenser Bedeutung. Sie verhilft nicht nur zu einem ästhetisch optimalen Aussehen, sondern sie dient auch der Früherkennung von Parodontitiden, durch die heute mehr Zähne geschädigt werden bzw. verloren gehen als durch Karies. Denn egal, ob es sich um eine chronische oder eine aggressive Parodontitis handelt: sie kann das Zahnbett zerstören, den Kieferknochen abbauen, und somit zum Zahnverlust führen.

Studien belegen, dass mittlerweile 95% der Deutschen an verschiedenen Formen von Zahnbetterkrankungen leiden. Und wie man mittlerweile weiß, führt Parodontitis nicht nur zu Zahnfleischschwund und zum Verlust von Zähnen, sondern kann auch Ursache und/oder Symptom einer generellen Erkrankung sein. Aus Sicht der Ganzheitsmedizin ist die Parodontitis keine isolierte Erkrankung der Mundhöhle, und gehört aber trotzdem selbstverständlich in die Zuständigkeit des Zahnarztes. Sie darf sich aber nicht darauf beschränken. Deshalb ist die Berücksichtigung von Erkenntnissen aus anderen Fachrichtungen und ggf. eine Kooperation und Netzwerkarbeit mit Fachärzten (wie Immunologen, Internisten, Gynäkologen, Ärzte für Naturheilverfahren, Heilpraktikern und Labormedizinern) in vielen Fällen sinnvoll. 

Genau hier können neue Behandlungswege der ganzheitlichen Medizin greifen.

Herzerkrankungen, Arteriosklerose, Schlaganfall
Verschiedene Studien bringen die Parodontitis nicht nur als bloßen Risiko-, sondern auch als Kausalfaktor für Koronare-Herz-Krankheiten in Verbindung. Denn chronische Infektionen im Mundraum können eine Ursache für verstopfte Arterien und Blutgerinnsel sein. Parodontitis-Bakterien produzieren Substanzen, die in den Blutstrom gelangen. Von dort aus können sie eine Kettenreaktion auslösen, die zur Ablagerungen an den Arterienwänden führt. In den Gefäßwänden von Arteriosklerose-Patienten konnten in ca. 40 % der Fälle parodontal-pathogene Erreger, die sonst nur in entzündeten Zahntaschen vorkommen, nachgewiesen werden. Es heißt, dass bei Parodontitis das Arteriosklerose-Risiko und das Schlaganfall-Risiko fast um das Dreifache höher liegen. Auch ist bekannt, dass Thrombozyten bei Kontakt mit Porphyromonas gingivalis sofort verklumpen. Desweiteren entlarvten sich vier Erreger der Parodontitis als bedeutende Gefahrenquelle für Herz-Kreislauf-Erkrankungen besonders bei älteren Männern und Frauen: Actinobacillus actinomycetemcomitans, Porphyromonas gingivalis, Bacteroides forsythus und Treponema denticola.

Diabetes mellitus
Diabetiker tragen generell ein höheres Risiko, auch im Mundraum an bakteriellen Infektionen zu erkranken. Diabetespatienten mit einer schweren Parodontitis haben größere Probleme, einen normalen Blutzuckerspiegel zu erlangen. Auch gibt es Hinweise, dass eine Parondontitis einen Diabetes nicht nur verschlimmern, sondern evtl. auch verursachen kann. So werden bei der Parodontitis Zytokine freigesetzt, die auf den gesamten Körper wirken, und demzufolge auch die Bauspeicheldrüse und somit die insulinproduzierenden Zellen beschädigen oder gar zerstören könnten.

Frühgeburten und Entzündungen in der Gebärmutter
Schwangere, die an einer nicht behandelten Parodontitis („Schwangerschaftsgingivitis“) leiden, haben ein siebenfach erhöhtes Risiko, eine Frühgeburt zu erleiden, da Parodontitis-Bakterien Stoffe produzieren, die die Ausschüttung des wehenauslösenden Prostaglandins stimulieren können. Gerade die Infektionen durch gramnegative anaerobe Bakterien (Parodontitis-Bakterien) können durch die Produktion von Entzündungs-Zytokinen den Geburtsvorgang durch die plazentalen Membranen stören. Diese zuviel produzierten Zytokine können als Trigger beschleunigend auf die Steuerung des Geburtszeitpunktes wirken. Es kann zu einer Frühgeburt kommen. Bei Frauen mit Kinderwunsch sollte deshalb stets eine zahnärztliche Untersuchung des Parodonts veranlasst werden und ggf. vor der Schwangerschaft eine Parodontitis-Therapie erfolgen. 
Des weiteren kann die Infektion auch über den Transportweg Blutbahn Entzündungen in der Gebärmutter auslösen.

Dysbiose 
Der Darm stellt einen sehr großen Teil unseres Immunsystems dar, den es gilt, zu stärken und zu stabilisieren. Ist die physiologisch normale Standardflora im Darm gestört (Dysbiose), so wird das Eindringen von pathogenen Bakterien begünstigt. Man kann also davon ausgehen, dass dann der körpereigene Schutzmechanismus generell beeinträchtigt ist. So stellt sich im Zusammenhang mit der Parodontitisbehandlung die Frage, ob eine allein auf die Mundhöhle beschränkte Therapie ausreichend ist. 
Oder, ob die Therapie mit einer entsprechenden Darmsanierung sowie einer Stuhluntersuchung auf Dysbiose mit anschließender Autonosodenherstellung kombiniert werden sollte. Aber man sollte auch bedenken: Candidakeime können z. B. aus kariösen Zähnen immer wieder in den Darm gebracht werden, was eine Therapie (Darmsanierung) sehr erschweren kann; wird nicht auch die Quelle der Keime, also der kariöse Zahn, behandelt. 

 

Mögliche Ursachen für die Störung des Bakteriengleichgewichtes in der Mundhöhle


Therapiemöglichkeiten